Medizinische Schwerpunkte

Schädel-Hirn-Verletzungen oder Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

Ein Schädel-Hirn-Trauma ist Folge einer Gewalteinwirkung, die zu einer Funktionsstörung und/oder Verletzung des Gehirns geführt hat und mit einer Prellung oder Verletzung der Kopfschwarte, des knöchernen Schädels, der Gefäße und/oder der Dura (harte Hirnhaut) verbunden sein kann. Eine Verletzung des Kopfes ohne Hirnfunktionsstörung oder Verletzung des Gehirns bezeichnet man als Schädelprellung. Falls die Dura bei gleichzeitiger Verletzung der Weichteile und des Knochens zerrissen ist und somit eine Verbindung des Schädelinneren mit der Außenwelt besteht, so liegt ein offenes Schädelhirntrauma vor.
(Leitlinien der Dt. Gesesellschaft für Neurochirurgie, Stand 6/2007)

Häufigkeit

Im Jahre 2007 betrug die Häufigkeit eines SHT 332 Patienten auf 100.000 Einwohner. Davon hatten 91 Prozent ein leichtes, vier Prozent ein mittelschweres und fünf Prozent ein schweres SHT. Bundesweit waren 248.000 Patienten betroffen, 2.750 Patienten verstarben an den Folgen eines SHT.

Klinik

Die Beschwerden nach einem SHT können sehr vielfältig sein und hängen unmittelbar von der Schwere des Traumas ab. Typische Symptome sind Kopfschmerz, Benommenheit, Übelkeit, Schwindel mit und ohne Erbrechen, Doppelbilder und Hörstörungen. Eine Schwellung der Weichteile, Blutungen, Riss- oder Platzwunden oder der Austritt von Blut oder gar Hirngewebe aus einer Wunde oder aus Mund, Nase oder Ohr sind sichere Zeichen für ein SHT. Bei direkter Schädigung des Gehirnes kann es zu Lähmungen, Bewusstseinsstörungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder Krampfanfällen kommen. Eine Bewusstseinsstörung weist dabei immer auf ein schweres SHT hin.

Schwere des SHT

Für die Beurteilung der Schwere eines SHT werden verschiedene sogenannte Skalensysteme verwendet. Die gebräuchlichste Skalierung stellt die Glasgow-Coma-Skala (GCS) dar. Diese basiert auf der Untersuchung neurologischer Funktionen sowie der Bewusstseinslage des Patienten. Der minimale Skalenwert bei einem sehr schweren Schädelhirntrauma beträgt drei Punkte. Die maximale Punktzahl beträgt 15 Punkte und entspricht einer normalen Hirnfunktion. Dies ermöglicht die Einteilung der Schwere des Schädelhirntraumas:

  • 12 bis 15 Punkte: Leichtes SHT
  • 9 bis 11 Punkte: Mittleres SHT
  • 3 bis 8 Punkte: Schweres SHT

Dieser Punktwert gibt dem behandelnden Arzt eine Entscheidungsgrundlage für die weitere Behandlung. Ein schweres Schädelhirntrauma muss ohne Zweifel immer intensivmedizinisch versorgt werden. Patienten mit leichtem oder mittlerem Schädelhirntrauma müssen vorübergehend beobachtet, aber nicht immer intensivmedizinisch behandelt werden.

Gründe zur stationären Einweisung

Beim Vorliegen eines oder mehrerer der folgenden Befunde ist die Krankenhauseinweisung zwingend:

  • Koma
  • Bewusstseinsstörung
  • Gedächtnisstörung (Amnesie)
  • Andere neurologische Störungen (Lähmungen, Sprachstörungen, Doppelbilder etc.)
  • Krampfanfall
  • Verdacht auf Schädelbruch mit und ohne Hirnwasseraustritt
  • Zustandsverschlechterung im Verlauf

Die Schädigung des Gehirnes unmittelbar beim Trauma (primärer Hirschaden) kann sich in der Folge durch mangelnde Durchblutung des geschädigten Gehirnareals, mangelnde Sauerstoffversorgung der Hirnzellen und eine nachfolgende Schwellung beträchtlich vergrößern (sekundärer Hirnschaden). Durch eine entsprechende gezielte Behandlung kann der Entwicklung der sekundären Hirnschädigung begegnet und damit die Schwere der bleibenden Hirnleistungsstörung verringert werden.

Diagnostik

Zunächst wird eine Computertomographie (CT) erfolgen, mit der sich sowohl Frakturen (Brüche) des Schädels, als auch Blutungen im Schädelinneren erkennen lassen. In Einzelfällen kann eine ergänzende Kernspintomographie (MRT) notwendig sein. Handelt es sich um ein Polytrauma mit Verdacht auf Verletzungen in anderen Körperregionen, wird ein sogenannte Spiral-CT durchgeführt, welches die zusätzliche Beurteilung der Wirbelsäule, des Brust- und Bauchraumes sowie der Extremitäten ermöglicht.

Therapie

Ziel der Behandlung von Patienten sind die Vermeidung von Hirnleistungsstörungen nach einem SHT sowie die Senkung der Sterblichkeitsrate.

Operative Behandlung

Neben der konservativen, gegebenenfalls intensivmedizinischen Behandlung kann eine Operation erforderlich sein. Gründe für eine Operation können sein:

  • Schädelbruch mit Verlagerung von Knochenfragmenten in das Schädelinnere und dadurch verursachter Druckwirkung auf das Hirngewebe (Impressionsfraktur). Eine Fraktur der Schädelkalotte ohne Fragmentverlagerung bei einem geschlossenen SHT ist nicht operationspflichtig.
  • Starke Hirnschwellung mit starkem Ansteig des Schädelinnendrucks
  • Raumfordernde, auf das Hirngewebe drückende Blutung. Dabei werden unterschiedliche Blutungstypen unterschieden
    • Epiduralhämatom (Blutung zwischen Hirnhaut und Schädelknochen)
    • Subduralhämatom (SDH, Blutung zwischen Hirnhaut und Hirngewebe)
    • Akutes SDH (Blutung aus oberflächlichen Blutgefäßen des Gehirns)
    • Chronisches SDH (Blutung aus Venen an der Hirnoberfläche)
      Intrazerebrale (im Hirngewebe lokalisierte) Kontusionsblutung

Konservative (nichtoperative) Behandlung

Neben der Hirnfunktion müssen bei einem Patienten mit schwerem SHT zahlreiche Funktionen (Kreislauf, Atmung, Nierenfunktion) überwacht werden (sogenanntes multimodales Monitoring). Dabei können über verschiedene Messsonden und Katheter kontinuierlich Messdaten gewonnen werden, die sowohl Auskunft über die Organfunktion geben, als auch Grundlage für die Therapiesteuerung geben. So kann der Druck des Schädelinneren über Hirndruckmesssonden registriert werden und ein hirndrucksenkendes Medikament immer dann gegeben werden, wenn der Druck über einen Grenzwert ansteigt. Unnötige Medikamentengaben und ein unnötiges Nebenwirkungsrisiko können so vermieden werden. Spezielle Lagerungs- und Beatmungstechniken und Medikamente werden eingesetzt, um das Gehirn bestmöglich vor Schädigungen und Spätfolgen zu schützen. In der Regel klingt eine Schwellung des Gehirns in der Folge eines Traumas nach einem Gipfel um den vierten Tag nach Trauma allmählich ab und die intensivmedizinischen Maßnahmen können Schritt für Schritt reduziert werden, sofern es nicht zu Komplikationen im Behandlungsverlauf, etwa einer Lungenentzündung, kommt.

Nachbehandlung

Für ein bestmögliches Ergebnis der Behandlung, besonders bei mittelschweren und schweren Schädelhirntraumen mit neurologischen Störungen ist eine langfristige Rehabilitationsbehandlung unerlässlich. Dabei können noch im zweiten Jahr nach Trauma durch konsequente Rehabilitationsbehandlung bei 20 Prozent aller Fälle Funktionsverbesserungen erreicht werden. Die Chancen auf eine Funktionsbesserung sind dabei allerdings altersabhängig. Die Behandlung von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma ist eine komplexe Aufgabe, die eine enge ärztliche und pflegerische Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen, wie z.B. Neurochirurgie, Unfallchirurgie, Neurologie, HNO, Anästhesie und Intensivmedizin, Rehabilitationsmedizin aber auch Psychologie, Logopädie und Physiotherapie erfordert. Am Klinikum Borna ist eine Zusammenarbeit der genannten Fachdisziplinen für die erfolgreiche Behandlung von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma aller Schweregrade gegeben.